Worte der Ermutigung

Wort der Ermutigung an das Pilgernde Gottesvolk in Augsburg vom ernannten Bischof Dr. Bertram Meier zum Hochfest des hl. Josef 19. März 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

So etwas haben wir wohl alle noch nicht erlebt. Corona ist nicht nur eine Welle. Der Virus ist wie eine Walze, die uns gerade überrollt. Und wir haben nichts in der Hand, um sie zu stoppen. Höchstens nehmen wir ihr die Wucht. Das hoffen wir jedenfalls. Wir schließen, verschieben, sagen ab.

So haben wir uns auch schweren Herzens entschlossen, meine Bischofsweihe auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben! Es geht jetzt darum, alles zu tun und auf noch mehr zu verzichten, um unsere Mitmenschen nicht zu gefährden. Mit diesem Ziel unterstützen wir die Maßnahmen, die von unseren Politikern und den Verantwortlichen in den Gesundheitsämtern ergriffen werden. Danke für das professionelle Krisenmanagement!

Doch ist das alles, was wir als Kirche zu Corona sagen können? Eigentlich hatte ich mich gefreut, Sie in diesen Tagen als neuer Bischof grüßen zu dürfen. Nun ist es anders gekommen. Dennoch oder gerade deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, mich jetzt in dieser für uns alle schweren Zeit mit einem Wort der Ermutigung an Sie zu wenden.
Ich tue das im Blick auf den hl. Josef, den Nährvater Jesu und den Schutzpatron der Kirche. „Geht zu Josef!“ (Gen 41,55) Während einer Hungersnot in Ägypten gibt der Pharao diesen guten Rat, indem er auf den ehemaligen hebräischen Sklaven verweist, den seine Brüder für ein paar Silbermünzen verkauft haben. Geht zu Josef! Die Kirche zeigt damit auf Marias Verlobten, den Zimmermann aus Nazareth. Er gehört zu den großen Fürsprechern in allen Nöten. Gerade in dieser Zeit der Unsicherheit und gesundheitlichen Gefährdung dürfen auch wir den stillen, aber treuen und verlässlichen Mann im Hintergrund um seinen Schutz und um Ermutigung bitten. Eine Litanei zum hl. Josef ist dem Brief beigelegt.

In dieser Krise, in der die Verunsicherung auch viele Ängste zu Tage bringt, haben wir als Kirche ein Angebot, das wir uns nicht selbst gegeben haben und das uns keiner nehmen kann. Wir wollen und dürfen es uns auch nicht nehmen lassen. Im Gegenteil: Die Kirche hat von Jesus Christus selbst Heilsmittel in die Wiege gelegt bekommen, die sie auch weiterhin anbieten wird – wenn auch in anderer Form. Gerade jetzt in der Vorbereitungszeit auf Ostern sehe ich es als ernannter Bischof von Augsburg als meine Pflicht, auf diese Schatztruhe des Heils hinzuweisen.

Da ist das Wort Gottes, das uns Christen aller Konfessionen verbindet. Lesen wir in diesen Wochen und Monaten wieder mehr in der Heiligen Schrift. Lassen wir uns inspirieren vom „Wort des Lebens“, das uns geschenkt wird. Holen wir wieder eine Bibel aus dem Regal, die vielleicht schon verstaubt ist, aber gerade jetzt zu neuem Leben erweckt werden will. Gerade in dieser Zeit merken wir: Das Wort Gottes ist mehr als das, was zwischen zwei Buchdeckel passt.

In Zeiten von Corona bekommen auch der Fernsehgottesdienst oder die Morgenfeiern, die über den Bayerischen Rundfunk und andere Sender ausgestrahlt werden, eine neue Bedeutung. Jeden Sonntag kann man live dabei sein, im Anschluss gibt es die Gottesdienste in der Mediathek zum Nachschauen und Nachhören, einfach zum Nachklingenlassen. Daneben besteht die Möglichkeit zum Livestream, der in einigen Gemeinden vor Ort gepflegt wird. Auch wenn viele Pfarrer – wie ich – nicht so technikaffin sein mögen, es lassen sich Menschen finden – gerade auch junge Leute, die sich auf diesem Feld phantasievoll engagieren können. Ich selbst überlege, wie ich als Ihr bestellter Hirte gerade in den kommenden Wochen auf diesem Wege nahe sein und Ihnen, meinem bischöflichen Wahlspruch gemäß, das Wort Gottes künden kann.
Auch gibt es Möglichkeiten, Online-Gemeinschaften zu gründen oder noch zu festigen. Neben anderen guten Projekten denke ich dabei an die Gebetsinitiative „Einfach gemeinsam BETEN“, die es schon länger gibt und die gerade eine Themenwoche anbietet: Gemeinsam beten im Angesicht der Corona-Krise: www.credo-online.de. Auch unsere ökumenische Telefonseelsorge steht bereit, wenn Sie Sorgen und Ängste haben: Wählen Sie einfach (ohne Vorwahl): 116 123. Sie finden dort immer – rund um die Uhr – ein offenes Ohr. Anonymität und Vertraulichkeit sind garantiert.

Gerade jetzt dürfen wir nicht nach dem Motto handeln: In der Not ist sich erstmal jeder selbst der Nächste. Auch Christen sind davor nicht gefeit. Martin Luther, den ich in Verbundenheit mit unseren evangelischen Schwestern und Brüdern nennen möchte, hat es am Ende des Mittelalters so erlebt: Als die Seuchen grassierten, sind alle, die reich und fit waren, panisch aus den Städten geflohen. Ihre Kranken und Bedürftigen ließen sie einfach zurück. Luther fand das schlimm. Auch wenn er um die Gefahren wusste, schrieb er: „Wo aber mein Nächster meiner bedarf, will ich weder Orte noch Personen meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen.“ (Ob man vor dem Sterben fliehen möge, 1527) Das sind alte Worte, aber mit klarer Ansage.

Die Kirche darf nicht fliehen. Wir müssen bei den Menschen sein und bleiben – gerade jetzt, wenn es dem Höhepunkt des Kirchenjahres entgegengeht. Nicht nur weil Papst Franziskus persönlich dazu aufgefordert hat (Frühmesse am 10. März 2020), sondern auch aus innerer Überzeugung heraus rate ich vor allem den Priestern, Diakonen und SeelsorgerInnen: Lasst die Menschen nicht allein! Don Maurizio, ein italienischer Pfarrer in Rom, macht weiter Hausbesuche und sagt: „Ich kann das nicht nur, ich muss es machen.“ Er und andere Gemeindemitglieder bringen Einkäufe, teilen die hl. Kommunion aus – gerade den Alten und Kranken – und spenden Trost: vorschriftsgemäß mit Maske, Handschuhen und Sicherheitsabstand. Und noch einen ganz einfachen Tipp habe ich: Nutzen Sie vermehrt das Telefon! Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen: Meiner Mutter im Seniorenheim tut es gut, wenn ich als Sohn und auch Bekannte und Freundinnen sie anrufen.

Ja, das ist heuer eine echte Fastenzeit: österliche Bußzeit im Ernstfall! Suchen wir Wege, um unsere höchste Mission zu erfüllen: mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen und gleichzeitig den Menschen den Himmel offenhalten! Deshalb lade ich für den 27. März, den Freitag vor dem Passionssonntag, die ganze Diözese zu einem Fasten- und Gebetstag ein. Gebetsmaterialien liegen bei. In der Gestaltung des Tages fühlen Sie sich bitte frei, je nach Ihren Möglichkeiten.

Gehen wir zu Josef! Lassen Sie mich schließen mit einem Beispiel aus Italien. Am Fest des hl. Josef sollen alle Gläubigen – ob allein oder als Familie – am Abend in ihrer Wohnung den Rosenkranz beten, so die Einladung der italienischen Bischofskonferenz. Als Signal der Verbundenheit könne man am Fenster ein weißes Tuch anbringen oder eine Kerze anzünden. Ich hoffe, dass ich Sie mit diesen Gedanken ein wenig ermutigen und stärken konnte. Wir werden die Corona-Krise meistern – und sie im Rückspiegel vielleicht als Chance sehen, wieder mehr zum Wesentlichen unseres Glaubens vorzudringen und als Kirche(n) mehr zusammenzurücken – geistlich. Viele brauchen jetzt Trost und Nähe – innerlich. Beten wir mit den Bischöfen Europas: „Befreie uns von Krankheit und Angst, heile unsere Kranken, tröste ihre Familien, gib den Verantwortlichen in den Regierungen Weisheit, den Ärzten, Krankenschwestern und Freiwilligen Energie und Kraft, den Verstorbenen das Ewige Leben.“ Lassen Sie sich von Christus umarmen! (Ignatius von Loyola) Es segne Sie der allmächtige und treue Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Bertram
Ernannter Bischof von Augsburg

Augsburg, zum Hochfest des Heiligen Josef, am 19. März 2020